Willi Volka
10.05.2021  -  Neu: Reingeschaut 1+2, Frühlingsboten

Auf 200 Worte . . .

(01) Wandel

Das Projekt Speicherstadt in Hamburg zählt bei uns mit zu den bekanntesten Vorhaben der Umstrukturierung. Die dynamische Gegenwart drückt auch abgelegenen Hafenstädten ihren Stempel auf. Etwa, wenn an einem Kanal eine „Marina“ gebaut, ein Hafenbecken für kleinere Yachten angelegt, weiße Kuben am Ufer, im Baustil der Zeit entstehen und zur Wasserseite eine Promenade gestaltet wird. Ein aus der Zeit gefallener Hochbau, ein Speicher aus den 30er Jahren, mit nüchterner Fassade aus Beton und Ziegeln ist ein Fremdkörper neben den Neuanlagen. Dem Verfall überlassen, ohne ökonomische Bedeutung, gibt er ein Gefahrenmoment ab, ist ein Entwicklungshemmschuh. Das zweithöchste Gebäude neben dem Kirchturm hatte den Rang eines Wahrzeichens.

Manche Bürger erregten sich bei dem Gemeindevorschlag, das Bauwerk abzureißen. Ein Geschichtsforscher eilt zu Hilfe. Eine Unterschriftenaktion kommt ins Rollen. Eine Graswurzelbewegung macht die Frage „remain“ oder „exit“ zum Stadtgespräch. Umsonst. Am Ende stimmt eine Mehrheit gegen den Erhalt.

Ohnmächtig schauen die Remainer zu, wie Bagger und Abrissbirne ihr Werk in Szene setzen. Wochenlang poltern und rasseln die Maschine, schreddern das Vergangenheitszeugnis. Inzwischen ist Rasen aufgegangen. Für die kommenden Generationen ankert das Bauwerk nicht mehr im kollektiven Gedächtnis. Die Gegenwart schluckt munter Vergangenheit, baut Zukunft. Nicht jeder findet einen Weg zu einer „Elbphilharmonie“.                                                                                                                                      © Willi Volka

(2) Die Narzisse

Eine braune Mönchskutte schwebt vor mir her. Die Kapuze umhüllt den Kopf. Ich folge ihr auf einer wenig beleuchteten Kellertreppe, bis sie vor einer Tür innehält. Nach einer Handbewegung flutet Helle aus einem Raum. Eine Wandseite, bunt vom Schwarz über das Spektrum eines Regenbogens bis ins Weiß, leuchtet. Eine spitze Nase dreht sich mir zu. Abgrundtiefe wasserblaue Augen bannen mich. Ihnen ist nicht zu entkommen. Wie die Gestalt mir den Rücken zukehrt, zieht sie aus der Farbskala einen gelben Ordner, klemmt ihn sich unter den Arm, kommt mir bedenklich nahe, setzt sich an ein Pult und blättert darin.

„Ah, Franz wie Frühling, Gunter wie gelb und Nass, wie Narzisse“, murmelt es. Wieso kennt er meinen Namen?

„Wenn immer eine Narzisse sich dir überraschend blühend zeigt, darfst du etwas wünschen.

Ein Blumenladen oder ein mit Osterglocken bepflanzter Vorgarten zählt nicht als Überraschung.“

Abseits eines Waldweges leuchtet mir eine Einzelblüte im Strahl einer Sonne. Schnell ein Wunsch äußern, sternschnuppenkurz. Corona ade, gesund bleiben.

Wie ich die Augen aufschlage, flutet gelbliches Laternenlicht auf gemaserte Schranktüren. Stehe auf, mir wird klar: Vorbei die Chance auf einen Wintergarten, zu einem gefüllten Bankkonto!

Sind Träume Schäume? 

 © Willi Volka