Willi Volka
20.06..2021  -  Neu:  Allerlei - Sätzling 54, Auf 200 Worte (3)3 


 

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Reset Europa

Reset Europa. Wann, wenn nicht jetzt, kann Kultur dem Kontinent neuen Schwung verleihen? Kulturreport 2020, Vol. 10, ifa/Steidl, 281 S., ISBN 978-3-95829-671-8, Göttingen 2020

Zum Einstieg

Erreicht eine Reihe einen 10. Band, ist das ein Grund, genauer hinzuschauen. Die Frage stellt sich, woran liegt das? Das Institut für Auslandsbeziehungen e.V. (ifa) ist Herausgeber von Bandreihen wie „Kulturreport“ oder „Perspektive Außenkulturpolitik“.

Das ifa, eine Mittlerorganisation verfügt über eine große Bandbreite von Aktivitäten mit Außenwirkungen, wie die Organisation des Deutschen Pavillon auf der Biennale Venedig, Vergabe des Theodor-Wanner-Preises (Gründer des ifa) an Persönlichkeiten, die sich im Dialog der Kulturen für Frieden und Völkerverständigung einsetzen, durch Ausstellungen und Vortragsveranstaltungen und durch Publikationen wie die Zeitschrift Kulturaustausch – Zeitschrift für internationale Perspektiven (71. Jahrgang) und Buchreihen, Förderprogramme u.a.m. Unter diese Aufgaben reiht sich die neue Publikation „Reset Europa“ ein. Die Einrichtung wird gefördert vom Auswärtigen Amt, dem Land Baden-Württemberg und der Landeshauptstadt Stuttgart.

Zum Thema

Für einen Report bedarf es Reporterinnen oder Reporter. Sie tragen Namen. Viele davon sind mir geläufig (Alfred Grosser, Herta Müller, Emmanuel Macron, Federica Mogherini, Martin Schulz oder Eva Menesse), andere weniger (Ladislau Dawbor, Pankai Mishra, Heinrich August Winkler, Bogdan Góralczyk, Ilija Trojanow oder Margret Atwood). Insgesamt beteiligen sich 8 Autorinnen und 21 Autoren an dem Report.

Der zweite Begriff Reset stammt der aus dem Bereich digital programmierter Geräte Jeder, der zum Reset greifen muss, weiß, dass da einiges schief liegt, was einen Neustart unausweichlich macht. In der Regel basiert so ein Neuaufbau auf Vorwissen und auf Fakten, die hoffentlich zuvor gesichert werden konnten.

Dem Vorwort von Sebastian Körber, Leiter der Abteilung Medien des ifa, folgen im Kulturreport 3 Kapitel:

1: Demokratien in der Defensive – Der Vertrauensverlust der etablierten politischen Kultur

2: Reset Europa – Die Krise als Chance und

3: Die Fragmentierung der Öffentlichkeit – Der Kampf um die Deutungshoheit.

Es geht um nichts Geringeres als Europa, als kulturpolitischen Raum in dem, mit dem wir leben, der unser Leben bestimmt und einen Rahmen gibt. In der Unruhe, der dynamischen Technikentwicklung und dem Entstehen großer politischer Blöcke bedarf es eines Resets für Europa, um es weiter zu entwickeln.

Im weitesten Sinne befassen sich alle Beiträge mit der Frage der Widersprüche in Europa und, welche Perspektiven vorhanden sind und was zu tun ist? Die rund 30 Beiträge sind nicht einfach zusammen zu fassen, zumal die Themen mannigfaltig und schwer überschaubar sind.

Sie handeln vom globalen Durcheinander bei Identitäten, beim Wandel, Verstehen, Verschwörungen oder Pressefreiheit. Um mich den Inhalten zu nähern, wähle ich aus jedem Kapitell einen Beitrag aus, der mich neugierig werden ließ, auf den ich näher eingehe:

1.      „Polarisierung, Identität und wie alles schief ging“ von Bernd Reiter,

2.      „Was uns verbindet“ von Heinrich August Winkler und

3.      „Die digitale Illusion“ von Jaron Lanier.

Zur Struktur der Beiträge

Blättert man im Buch, fällt der Blick zuerst auf eine ein -oder zweiseitige farbige Bildstrecke mit „resetbedürftigen“ Wohnhäusern und Landschaftsteilen mit Menschen, die sich zur ihrer Lebenssituation äußern. Eher düstere und abschreckende Bilder. Den meisten fehlt der Sonnenschein.

 Verlockender sind die farbigen Porträts der Autorinnen und Autoren, die zu jedem Beitrag gehören. Sie sind aussagekräftig ausgewählt, zeigen die Personen vor einem typischen Hintergrund, in einer Pose oder bestimmten Situation. Auch das Alter ist ablesbar. Die Porträtfotos tragen an der Oberseite einen schwarzen Balken, der meist das Gesicht ein wenig anschneidet. Wird man sich dessen bewusst, stellt sich die Frage: Welche Bedeutung hat der Balken? Nicht ganz einfach ist, eine Antwort zu finden. Vielleicht wird damit angedeutet, dass die Thematik im Dunkeln liegt, in und durch „Köpfe“ erhellt werden muss.

Über dem jeweiligen Foto stehen in einer viele Punkte größeren Schrift hervorgehobene Leitsätze, die dem Thema des Beitrages Richtung geben. Darunter steht auch der Verfassername. Bild, Namen, wie Thema stellen damit eine erkennbare Einheit dar. 

Will man mehr über Autorin oder Autor wissen, so findet sich am Ende des Beitrages ein Hinweis auf Funktion, Beruf und Veröffentlichungen.

Zu erwähnen ist auch, dass zwischen dem Fließtext immer wieder einzelne markante „Stolpersätze“ herausgehoben sind, die auch für sich stehend wichtige Inhalte transportieren. Durch eine Gliederung mit Überschriften ist das optische Bild der Texte für das Lesen und fürs Auge angenehm. Der Umfang der einzelnen Beiträge schwankt zwischen 3 und 24 Seiten. Der zweispaltige Gesamttext aufgrund der gewählten Schriftgröße wirkt etwas gedrängt.

1 Zum ausgewählten Beitrag (aus Kapitel 1)

Die 9 Beiträge aus dem 1. Kapitel werden mit folgenden Begriffen gewichtet: Nationalismus, Desinformation, Rechtsstaatlichkeit, Medien- und Meinungsfreiheit, Freiheit der Wissenschaft, die Frage nach demokratischen Werten, zu Skepsis, Fake News und Polarisierung. Was ist die europäische Idee, was verbindet? Eine umfassende Begriffssammlung wird aufgefächert.

Bernd Reiter weist mit seinem Beitrag „Polarisierung, Identität und wie alles schiefging“ auf Auseinandersetzungen von Weltanschauungsgemeinschaften hin, die sich polarisierend aneinander reiben und bezieht sich auf zwei Autoren und deren Veröffentlichungen: Francis Fukuyama „Identität: Wie der Verlust der Würde unserer Demokratie gefährdet“ (der auch in diesem Band einen Beitrag “Kampf um die liberale Demokratie“ beisteuert) und Kwame Anthony Appiah „Identitäten. Die Fiktion der Zugehörigkeit“.

Sein Denkansatz führt in die Vergangenheit. Seine These lautet, die Zeit der Kolonisierung durch die „Weißen“, wirkt bis heute in der Gesinnung nach. Die letzten Kolonien wurden im letzten Jahrtausend, um 1990 frei gegeben (z.B. Hongkong oder Macao). Das koloniale Erbe neigt dazu, Denken und Handeln, in Abhängigkeit zu halten. Unterdrückung und Ausbeutung, prägt bis heute die Gesellschaft durch standardisierte Begriffe. Dazu gehören Rasse und Nation, haftende Etiketten von ethnischer Zugehörigkeit und in Klassen Polarisiertee, wie im letzten Jahrhundert in Völkerschauen z.B. im Zirkus Sarrasani als er mit Menschen anderer Kulturen als „Zooobjekte“ wurden, durch die Lande zog.

Heute zeigt der Entwicklungstrend der Weltbevölkerung, dass die „Weißen“, global betrachtet, zu einer „Minderheit“ werden. Der Aufstieg der „Anderen“ hat längst begonnen, indem sie selbst nach Reichtum, Eigentum, Alphabetisierung und soziales Ansehen trachten. Die Ungleichheit sozialer, kultureller und wirtschaftliche Hierarchien verschieben sich.

Die Muster der Vergangenheit stecken zum Teil noch im europäischen und amerikanischen Denken. Die Mitschuld am Nichtfortschritt der „Anderen“, als eine Folge der über Jahrhunderte geübten Kolonialpraxis anzusehen, ist wenig bewusst.

Einem Teil der Gegenwartsgesellschaft fällt es schwer, dies zu akzeptieren und flüchtet sich in eine Abwehrhaltung (bis hin zu Gewalttaten) und zu Vorstellung in nationalistische Vorstellungsidentifikationen. Reiter sieht die Notwendigkeit, sich der eurozentrischen Sicht stärker bewusst zu werden und sich von rassistischen Vorstellungen zu befreien, bereit zu sein in der Weltgemeinschaft Verantwortung zu übernehmen. Die Hinterlassenschaft der Vergangenheit, die Vorstellung von der „guten alten Zeit“, sind aufzugeben. Er setzt auf Vernunft und Rationalität und sieht zugleich die Notwendigkeit, dass Naivität und Arroganz, die Irrationalität, von der Vernunft Irrationalität besiegt wird.

Erfahren wir nicht durch unseren „unverdient“ angesammelten Reichtum, dem Frieden, den die EU gebracht hat, den Fortschritt und die Sicherheit, eine zeitnahe magische Anziehungskraft auf Millionen Menschen. Anteil an diesen Privilegien zu haben Arbeit, Lohn und Menschenrechte ist ihr Streben.

Reiter ist wichtig, über Bildung und Kultur den Menschen den Zusammenhang von Kolonialherrschaft und Reichtum ins Bewusstsein zu bringen. Daraus sei abzuleiten, dass auch von der Nachfolgegesellschaft Verantwortung zu übernehmen ist. Seiner Ansicht nach kann das nicht über gewählte Beamte oder die politischen Eliten. Dafür ist ein direkteres und stärker partizipatorisches System zu finden, das die Verschiebung, der aus der Vergangenheit herrührenden Privilegien akzeptiert. Denn das europäische „Universum“ muss sich in Zukunft mehr zu einem „Pluriversum“ entwickeln und sich darauf konzentrieren, was im Jetzt ansteht, zugleich aber die historischen Wurzeln nicht verdrängen.

2 Zum ausgewählten Beitrag (aus Kapitel 2)

In diesem Reset-Kapitel 2 mit 8 Beiträgen geht es in erster Linie um Orientierung und neue Perspektiven für die Demokratiekrise, den Klima- und Strukturwandel, den gesellschaftlichen Hass. Es geht um Menschenrechte, Multilateralismus, Meinungs- und Pressefreiheit, Toleranz, Weltoffenheit und -Vernetzung.

Heinrich August Winkler stellt in „Was uns verbindet“ den Aspekt von Revolutionen besonders heraus. Als Historiker geht es ihm ähnlich, wie in dem zuvor ausgewählten Beitrag von Reiter, um Vergangenheitsereignisse, die bis in unsere Tage hineinwirken: die amerikanische (1776) und die französische (1789) Revolution, die die Idee von Freiheit und Gleichheit hervorbrachten. Sie wuchsen die Verstöße gegen die damaligen geltenden Werte. Dieser Aufbruch löste einen andauernden Lernprozess aus. Es ging ums Annehmen oder Ablehnen und gehört bis heute zu den fundamentalen Werten des Westens.

Die Freiheitsbewegung von 1989 z. B. verlief in Deutschland friedlich. Andere Vereinbarungen, wie etwa die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, die Kopenhagener Beitrittserklärung von 1993 und der Vertrag von Lissabon von 2009 zeigen, dass der Prozess um die Gestaltung von Freiheit und Gleichheit als Grundlage der Staaten noch längst nicht abgeschlossen ist, obwohl diese Rechte als universaler Normanspruch gelten sollten.

Einen besonderen Grundgesetzauftrag hebt Winkler für Deutschland hervor. Aufbauend auf die Erfahrung von 1933 wurde ein Asylrecht ins Grundgesetz aufgenommen, das politisch Verfolgten Asyl, ihnen ein individuelles Grundrecht gewährt. Die übrigen Staaten Europas kennen nur ein vom Staat gewährtes Recht. Zwischen der Aufnahme von Asylsuchenden und der Akzeptanz der Bevölkerung besteht ein Spannungsfeld, zwischen Gesinnungsethischem und Verantwortungsethischem (Max Weber). Die Folgen des Handelns müssen gesehen werden.

Generell besteht die Aufgabe, die Gemeinsamkeiten der historischen Werte, die internationalen und universalen Charakter tragen, diese selbst vorzuleben. Sie mit „Leuchtkraft“ auszustatten. Sie müssen auch einklagbar sein.

3 Zum ausgewählten Beitrag (aus Kapitel 3)

Die Leitbegriffe für 11 Beiträge lauten: Fragmentierung der Öffentlichkeit, Deutungshoheit, Fake News, Filterblasen, künstliche Intelligenz, Wählermanipulation, Medienzeitalter. Was ist Wahrheit? Wo Vertrauen, Transparenz und Faktenbasis?

Der Beitrag „Die digitale Illusion“ von Jaron Lanier vertieft den Begriff der virtuellen Realität, der von diesem Informatiker stammt. Und stell zunächst die positiven Seiten heraus: Spaß und Alltagserleichterung, um sich dann dem Dahinter, dem Charakter von Algorithmen zuzuwenden, denen man durch die Vorgabe der Konzerne ausgesetzt und ausgeliefert wird. Und dies geschieht unter der Absurdität einer Überwachungsökonomie.

Realistisch betrachtet, gibt es eben auch die negativen Seiten in der digitalen Welt. So wird ein Konstrukt wie Facebook oder Google in ihrer Machtfülle zu Konzernen „personalisiert“ sind. Die Muster sozialer Einlassungen werden dort zentral gesteuert. Ihre „Ideen“ sind im Computerprogramm „versteckt“, mit denen wir dann automatisch unser Leben führen. Die nicht zugänglichen Algorithmen, ihr Code steuert über den Datenschutz hinweg, indem sie persönliche Daten sammeln und für eigen Zwecke nutzen. In dieser algorithmischen Konzentration üben sie Macht aus, wie wir es in der Musikscene oder der Finanzbranche erleben können. Reichtum sammelt sich in den Händen weniger Personen. Die angewandten Algorithmen zwingen nach und nach der Gesellschaft auch Risken auf. Es heißt für sie zu akzeptieren, obwohl sie wenigen Profit einbringen. Man bildet mit vielen ein folgsames Rudel.

Das Codieren ist an Konzerne „outgesourct“. Es fehlt ein klärender Kanal in der Kodierung zwischen Denken und gesellschaftlicher Realität. Zugleich sichert „Big Data“ die algorithmische Konzentration.

Eine Automatisierung, die auf der Basis von „Big Data“ aufgebaut, verabreichen eine maschinenzentriete Zukunft. Nicht einfach ist es, sich davon zu lösen und die Kontrolle über die Codes zu gewinnen. Es gilt, Dinge aus der prä-digitalen und digitalen Zeit zu vermengen. Denn im globalen Geschehen zeigen sich Abgründe: Gefahren des Klimawandels, Bevölkerungswachstum, Migration, die Unfähigkeit die Neige der billigen fossilen Brennstoffe einzusehen, sozial betrachtet die Konzentration von Reichtum, den gewaltsamen Extremismus abzumildern. Wir als mitverantwortliche nutze stehen mittendrin. Im digitalen Aufstieg lösen die digitalen Errungenschaften einen Optimismus aus, der eine Rudelbildung befördert.

Gadgets, leistungsfähige Kleingeräte begleiten die Mitglieder der Gesellschaft und formen sie, indem sie ständig auf das Angebot im Netz zurückgreifen. Zugriff, der ständig im Fluss hält, schwimmt im Angebot des Netzes, ist im Rudelverhalten verlockend.

Lanier setzt für sich dagegen das Schreiben von Büchern. Ein gedruckter Text steht außerhalb des Internets, kann Perspektiven und Synthesen bleibend aufzeigen Sie können nicht, die nicht so leicht wie ein Bildschirm gelöscht werden, sondern beanspruchen „gedehnte Zeit“. Letztlich gilt es Raum für Alternativen zu erarbeiten und zu öffnen. Denn das bestehende Muster ist nicht das einzig mögliche. Es heißt, zwischen Algorithmen und Konzernen zu unterscheiden. Menschen sind mehr als Algorithmen der Konzerne. Humanitätsfaktoren, wie Familie und Freundschaft. Sie behalten ihren Wert sind staunenswert, interessant, glorreich und berauschend. Technologien sollten Facetten davon dies in sich tragen, obwohl menschliches Verhalten sich nicht in Algorithmen einfangen lässt. Aber gemeinsame Absprachen dazu müssen möglich werden.

Fazit

Die Kenner ihrer Materie legen zahlreiche Probleme des geschichtlich kulturellen Seins Europas offen, die uns angehen müssen. Das Geschehen ist zu verstehen. Es gilt Verständnis zu wecken, die Probleme aufzuzeigen und daraus zukunftsgerichtete Handlungen abzuleiten.

Wie die 3 gewählten Beispiele deutlich machen, leitet sich jeder Beitrag aus ganz unterschiedlichen Erfahrungen ab. Damit überraschen sie und öffnen dem Denken vielseitige Spielräume. Ohne alle Beiträge schon gelesen zu haben, darf man noch weit mehr Gesichtspunkte erwarten, geradezu Empfehlungen, wie sie bereits z. T. in den Titeln zum Ausdruck kommen, wie etwa „Europa endlich verstehbar machen“ (Martin Schulz).

Ohne Zweifel sind die Texte anspruchsvoll. Ich gestehe, dass ich meine Auswahl wiederholt lesen musste, um die Inhalte aufzunehmen, um über die Schlagworte und die Leitsätze hinaus zu kommen. Dazu ist ein gedruckter Text auch gut. Das ist eine Herausforderung.

Das Ganze liest sich nicht fortlaufend wie ein Roman, sondern stellt ein Steinbruch dar, aus dem man sich das eine oder andere herausschlagen kann, was man selbst im Kopf bearbeiten muss, um Perspektiven zu entwickeln. Dies erfordert Interesse und Offenheit.

Nehme ich mir meine 3 Beiträge vor: So ist die Erinnerung an die Kolonialzeit wichtig, auch wenn jetzt die Rückführung von geraubter Kunst akut wir, oder der Revolutionsgeist aufgefächert bei der Asylpolitik hervortritt. Hervortreten die virtuellen Realitäten, die die heute die Kommunikation beherrschen. Interne und globale Vernetzung ermöglichen bisher kaum vorstellbare Verknüpfungen und Einflussnahmen. Realitäten, die man nicht ohne Weiteres übersieht, zu erkennen, sich der Entrechtlichungen bewusst zu werden, dagegen anzugehen.

Die Welt ist im Aufbruch. Die Chance besteht, die Richtung der Entwicklung zu gestalten. Der Aufruf: „Reset Europa“ muss gehört werden. Bürger hört die Signale. Wir müssen alle daran arbeiten, wenn wir in Europa am Leben halten und weiter entwickeln wolle. Es gilt

Es gilt auf Europamüdigkeit und Ratlosigkeit zu reagieren. Wir sind Teil der Geschichte.

Ich bekenne dankbar, auf diesen Report gestoßen worden zu sein. 


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Gaby Hühn-Keller, La Dolce Vita piccola, Biographischer Roman, Softcover, 26 Abb. sw,, 210 S., im contentplus communications GmbH, Augsburg 2018 ISBN 979-3-8442-0996-9

 

Ausgangspunkt

Mit den Jahren besinnt man sich auf das eigene Leben. Auf der Suche nach Notizen aus der Zeit vor über 60 Jahre wird die Autorin fündig und verarbeitete ihre Jugenderinnerungen. So finden die Aufzeichnungen Eingang in ein Taschenbuch. Mein runder Geburtstag gab ihr den Anlass, mir eine Freude zu bereiten. Ich nehme das Taschenbuch zur Hand und lese darin.

Zur Voraussetzung des Buches

Ihre ungarische Familie zählte zu den Ungarndeutschen, die durch ein Verordnung Ungarns 1946 ausgewiesen wurden und fand Zuflucht in Bayern und begann dort ihr neues Leben. Die Autorin machte 1958 ihren Abschluss in der Handelsschule. Sie ist damals 16 Jahre alt. Es stellte sich die Frage für eine Ausbildung.

Die Mutter hatte zunächst die Idee, ihre Tochter die ungarische Verwandtschaft besuchen zu lassen. Doch ein Visum war nicht zu bekommen. So war sie spät dran, sich für einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Sie bekam vom Arbeitsamt ein Angebot bei einer Bank. Die Arbeit in der Kreditabteilung, verzweifelte Menschen zu erleben, denen Kredite zu verweigert wurde, setzte ihr zu. Sie wechselte in eine Schlosserei ins Büro. Der Tätigkeit dort, mit der Perspektive, auf Dauer, Rechnungen zu schreiben, Gehälter zu berechnen, wollte sie sich nicht für lebenslang verschreiben.

Bei einem Treffen mit einer Schulfreundin, die sich in einer Ausbildung zur Kindergärtnerin befand, begegnete sie deren Ausbilderin. Zufällig war eine Anfrage für eine Hilfskraft in einer deutschen Pension in Rom eingetroffen. Die Autorin ergriff die Chance, damals 16-jährig, obwohl sie kein Italienisch sprach, einen Einjahresvertrag für 100 DM im Monat bei freier Unterkunft und Verpflegung anzunehmen. So fand sie dann im Oktober 1958 in Rom ein.

 Eine wertvolle Grundlage für dieses Buch sind die aufgefundenen Aufzeichnungen geworden, die sie über ihren Aufenthalt in Rom gemacht hatte.

Als Teenager auf sich gestellt, in einer Großstadt oder Weltstadt zu erleben, darin sich zu bewähren, zeigte Mut und Neugier, ist ein Charaktermerkmal.

 

Das Erleben

Was alles erlebt wird, folgt dem Lauf des Jahres: Advent, Weihnachten, Neujahr. Fasching, Ostern und Frühling. In der katholisch geprägten Umgebung mit Ereignissen wie die Wahl des Papstes Johannes XXIII oder eine Heiligsprechung durch ihn, Beichte und Kirchgang einerseits und andererseits Begegnungen mit den Mitmenschen: Personal, Monsignore, Hausmeister, Küchenchefin und den Mitstreiterinnen, nicht zuletzt mit den Pensionsgästen und den Römerinnen und Römern. Eine arme Frau, die sich Streunkatzen einfing, damit sie was zu essen hatte. Hin und wieder versorgte sie sie mit Obst. Die Begegnung mit einem Fotografen, der sie in die Dunkelkammer ziehen wollte oder mit einem Pensionsgast, der mehr forderte als den Zimmerdienst, gehören mit ins Erleben.

Sie fand Rom faszinierend mit den römischen Resten, den Plätzen, den Brunnen, den Kirchen belebten Straßen. Ihre spärliche Freizeit nutze sie für Besichtigungen oder zu Ausflügen bis zum Meer. Sie erlebte die Stadt, die zeitweise von voller Filmschauspieler bevölkert war oder im benachbarten Grand Hotel, wo der vertriebene Schah zunächst mit seiner Familie Asyl fand.

In einem Prälaten fand sie einen Förderer, der sie auf bedeutsame Monumente hinwies oder eine Eintrittskarte schenkte, etwa für einen Opernbesuch. Für eine 16-Jährige muss dieses Leben mitten in der Stadt faszinierend gewesen sein. Vieles Beeindruckende prägte sie und nahm sie auf. Die Arbeit war anstrengend vor allem, wenn an Feiertagen die Pension frequentiert war. Das Leben in der Gemeinschaft erforderte Toleranz.

Einen Schock erlebt sie an sich, als ein heißer Schirokko sich über Rom legte, Einheimische lähmte und ihr persönlich gesundheitlich zu schaffen machte. Der Gedanke an die Sommerhitze und der Zeitpunkt kam, sich zu Hause, um einen Ausbildungsplatz zu bewerben, brach sie ein Monat vor Vertragsende den Romaufenthalt ab und reiste zu ihren Eltern.

Die Ereignisse ihres Romaufenthalts werden lebendig erzählt. Man folgt dem Text von Kapitel zu Kapitel, die zwischen 3 und 7 Seiten lang sind und in den einzelnen Passagen keine Überlängen zeigen. Schwarzweißfotos illustrieren besuchte Objekte wie den Trevibrunnen oder die Engelsburg.

Schade ist, dass das Schriftbild bzw. das Layout des Texte kaum strukturiert ist und monotone Zeilen Seite um Seite füllen. Der Zeilenfluss wird wenig unterbrochen und das Auge ermüdet. Verstärkt wird dies h durch schmale Seitenränder. Dagegen wirkt das Aquarell einer Kirche auf dem Buchdeckel ansprechend. Verraten wird nicht, um welche Kirche sich das handelt.

Fazit

Die Art der Erzählung ist anschaulich, klar formuliert. Die Erlebnisse sind nachvollziehbar, offen und atmosphärisch. Es ist nachvollziehbar, wie ein Teenager bereitwillig sein Leben allein einrichtet. In dem einen oder anderen Fall kann sie Akzente setzen, etwa wenn sie den deutschen Brauch eines Adventskranzes dort einführt oder die Hula Hoop Mode aufgreift, aus Anlass des Opernbesuchs ein eindrucksvolles Kleid aus ihrem Koffer ziehen kann. Letztlich ist die Aufzeichnung eine muntere und ansprechende Geschichte, die von allgemeinem Interesse sein und bereichern kann.


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Hartmut Möller, U-Bahn – Stationen Hannovers Begehbare Baukunst, ecrivir – die textmacher gmbh - Verlag, Format DIN A4 quer, Hardcover, Fadenheftung, 160 S,, 80 Abb., Hannover 2020, ISBN 978-3-938769-34-8

                                             Kröpke

Mein erster „Besuch“ in Hannover fand 1969 vor einer Islandreise statt. Der 2CV (bekannt als Ente) mit dem wir unterwegs waren, hatte eine Panne. Eine Citroen-Werkstatt suchten wir. Ein Navi gab es zu jener Zeit nicht. Ziemliche desorientiert wunderten wir uns über die Schilder „Umleitung Kröpcke“. Nach mehrmaligen fragen fanden wir eine Werkstatt. Die Ursache war ein ungereinigter Filter, der bei der voraus gegangenen Inspektion übersehen worden war. Eine Lappalie …

1972 fand ich in Hannover eine Anstellung. Dem Namen Kröpcke begegnete ich erneut. Diesmal öffnete sich in der Stadtmitte eine große Grube von 25 m Tiefe. Der Grund: U-Bahnbau.

1983 zogen wir aus der Region an den Stadtrand von Hannover. Ich wurde zum U-Bahn-Beobachter, Nutzer und verfolgte den Ausbau des Netzes.

Ein überraschendes Geschenk

Als Geschenk kam kürzlich der U-Bahnband zu mir, der mich sofort fesselte. Zum ersten liegt das Buch solide in der Hand und zum zweiten spricht mich das Layout mit den ganzseitigen Fotos von U-Bahnstationen an. Infolge der Individualität der Bauformen und der vorhandenen Kunstobjekten in den Haltestellen, sind sie zu unterscheiden. Der Tunnelkörper selbst zeigt sich in einer verblüffenden Klarheit. Dies bewirkt der Blickstandort über die ganze Länge des Tunnels vom Anfang an bzw. vom Ende aus. Ich brauchte erst einen Anstoß, um zu erkennen, was das das Besondere und Ungewöhnliche an den Fotos ausmacht. Wer U-Bahn fährt, bewegt sich meist mit anderen durch die „begehbare Architektur“, steht oft in der Mitte, ohne die ganze Länge eines Tunnels zu überschauen. Es ist die Menschenleere, die diese ungewöhnliche Ansicht entfaltet. Denn alle Aufnahmen sind ohne Menschen entstanden! Die Eigenheiten der Architektur treten in ihren Formen, ihren Perspektiven, Stützen, Pfeilern und Aufgängen, ihren Ausschmückungen, ihren Lichteffekten in Reinheit markant hervor.

Mehr als nur ein Fotoband

Die Bilder stehen nicht nur für sich, sondern sind um Erläuterungen ergänzt: Namen, Datum der Inbetriebnahme und Besonderheiten der jeweiligen Station. Die Einführung “Verstädterung und schienengebundener Nahverkehr“ von Olaf Grohmann und Martin Stöber verfasst, erläutert das Konzept und nennt Personen, die hinter dem Bau und der Konzeption stehen. Da ist zunächst Rudolf Hillebrecht Stadtbaurat in Hannover von 1948 bis 1985 (der zwar die Bedeutung des Individualverkehrs in den USA erkannte und eine autogerechte Innenstadt für Hannover ins Auge fasste), den öffentlichen Nahverkehr von Anfang an mit bedachte, um ihn später für so wichtig zu erachten, dass er ihn konsequent mit in die Stadtentwicklung einbezog. Ihm gelang es, mit Prof. Klaus Scheelhasse (Leiter des U-Bahnbauamtes 1967 bis 1994) einen herausragenden Konzeptentwickler nach Hannover zu ziehen, dessen Persönlichkeit und Wirken im Band in einem Interview näher vorgestellt wird.

Das angesteuerte Konzept verzichtete auf eine „echte“ U-Bahn, entwarf einen Plan für eine Unterpflaster-Straßenbahn, d. h. Rückgrat des Öffentlichen Nahverkehrs bilden Straßenbahnlinien, die das Stadtzentrum unterirdisch in Tunnels queren und, um sobald sie an der 0berfläche auftauchen, ihnen ein eigenes Schienenbett zuzuweisen. Dieses System erweist sich als vorteilhaft für einen wenig störanfälligen Verkehrsfluss der Bahnen.

Der „Vater“ der Stadtbahn Hannover entwarf für die Tunnelhaltestellen eigene Vorstellungen mit Mittelbahnsteigen (für rasches Umsteigen). Je nach den Gegebenheiten, ob die Röhre breit ausgebaut (Hauptbahnhof) oder in Stockwerken (Listerplatz) angelegt war. Die Wandflächen sind von den Mittelbahnsteigen der Haltestellen sichtbar und individuell gestaltet (Konigsworther Platz) mit Bezug zu den Herrenhäuser Gärten oder Geibelstraße zum Poeten. Damit wird eine Unverwechselbarkeit einer Station markiert. Weniger leicht durchschaubar sind Dekorationen, wie z. B. zwei Sudpfannenoberteile einer ansässigen Brauerei (Altenbekener Damm) oder mit Industrieformen von Conti (Werderstraße).

Fazit

 Die Tunnelstrecken erlauben über sich Nutzflächen für Platze und für autofreie Straßen (z. B. Kröpcke oder Lister Meile).

Die Fotos der Tunnelräume zeigen die begehbare Architektur mit ihren Raumkompositionen in einer besonders ästhetischen Art. Die angebrachten Schmuckelemente individualisieren die Haltestellen.

Gerne hätte man einen Hinweis gehabt, wie es möglich war, menschenleere Stationen zu fotografieren und welche handwerklichen Anforderungen es bedurfte, die sauber geputzten kunstlichterhellten Räumen abzulichten. Dieser Band pointiert die Architektur in einer Art und Weise, wie sie kaum im Alltag wahrgenommen wird, fängt sie für den Betrachter faszinierend ein und schafft Bewusstsein für die verkehrserschlossene hannoversche Unterwelt und dokumentiert zugleich. Das ist äußerst verdienstvoll.