Willi Volka
20.06..2021  -  Neu:  Allerlei - Sätzling 54, Auf 200 Worte (3)3 

Auf 200 Worte . . .

(3) Davongekommen

Ich trieb auf einer Luftmatratze. Die blaue Seite oben, die rote unten. Sie schaukelte mich Wellenberg und Wellental über. Abwechselnde Schräglagen, kopf-hoch, kopf-tief, links- oder rechtslastig, waren zu überstehen. Dabei klebte ich fest auf der Matte. Angst lag mir fern. Trug eine Welle höher, sah ich, soweit das Auge reichte, weder Land noch Schiff. Das Schaukeln in der Weite war ein wiegendes Spiel, hätte nicht stäubender Gischt bei mir Frösteln ausgelöst.

Und dann das – als ob der über mir niedergehende Wasserstaub nicht genug schauderte. Der pralle Gummikörper verlor an Spannung, gab nach. Ich sackte in eine schwimmende Badewanne. Hilfe. SOS. Steinschwere Angst ließ tiefer sinken.

Da tauchte neben mir ein Kugelkopf auf, stachelig wie ein Morgenstern, stoppelig wie eine Seemine – ein breites Maul riss auf, baute sich zu einem übergroßen Gespenst namens Covid-19 auf. Mit Knall fielen Kiefer aufeinander, bissen knapp daneben. Auge in Auge mit der Stachelkugel.

Ein Blitz lichterte. Der Himmel hallte. Wie erleichtert war ich, auf meiner Bettmatratze aufzuwachen. Die Bettdecke war zur Seite gerutscht. Das geöffnete Fenster schlug im Wind. Fasste den Griff und verriegelte. Draußen rauschte Regen. Blitze und Donnern verebbten. Nacht umfing mich..                                                                                                                                                                                                                                                 © Willi Volka

(2) Die Narzisse

Eine braune Mönchskutte schwebt vor mir her. Die Kapuze umhüllt den Kopf. Ich folge ihr auf einer wenig beleuchteten Kellertreppe, bis sie vor einer Tür innehält. Nach einer Handbewegung flutet Helle aus einem Raum. Eine Wandseite, bunt vom Schwarz über das Spektrum eines Regenbogens bis ins Weiß, leuchtet. Eine spitze Nase dreht sich mir zu. Abgrundtiefe wasserblaue Augen bannen mich. Ihnen ist nicht zu entkommen. Wie die Gestalt mir den Rücken zukehrt, zieht sie aus der Farbskala einen gelben Ordner, klemmt ihn sich unter den Arm, kommt mir bedenklich nahe, setzt sich an ein Pult und blättert darin.

„Ah, Franz wie Frühling, Gunter wie gelb und Nass, wie Narzisse“, murmelt es. Wieso kennt er meinen Namen?

„Wenn immer eine Narzisse sich dir überraschend blühend zeigt, darfst du etwas wünschen.

Ein Blumenladen oder ein mit Osterglocken bepflanzter Vorgarten zählt nicht als Überraschung.“

Abseits eines Waldweges leuchtet mir eine Einzelblüte im Strahl einer Sonne. Schnell ein Wunsch äußern, sternschnuppenkurz. Corona ade, gesund bleiben.

Wie ich die Augen aufschlage, flutet gelbliches Laternenlicht auf gemaserte Schranktüren. Stehe auf, mir wird klar: Vorbei die Chance auf einen Wintergarten, zu einem gefüllten Bankkonto!

Sind Träume Schäume?                                                                                             © Willi Volka

(01) Wandel

Das Projekt Speicherstadt in Hamburg zählt bei uns mit zu den bekanntesten Vorhaben der Umstrukturierung. Die dynamische Gegenwart drückt auch abgelegenen Hafenstädten ihren Stempel auf. Etwa, wenn an einem Kanal eine „Marina“ gebaut, ein Hafenbecken für kleinere Yachten angelegt, weiße Kuben am Ufer, im Baustil der Zeit entstehen und zur Wasserseite eine Promenade gestaltet wird. Ein aus der Zeit gefallener Hochbau, ein Speicher aus den 30er Jahren, mit nüchterner Fassade aus Beton und Ziegeln ist ein Fremdkörper neben den Neuanlagen. Dem Verfall überlassen, ohne ökonomische Bedeutung, gibt er ein Gefahrenmoment ab, ist ein Entwicklungshemmschuh. Das zweithöchste Gebäude neben dem Kirchturm hatte den Rang eines Wahrzeichens.

Manche Bürger erregten sich bei dem Gemeindevorschlag, das Bauwerk abzureißen. Ein Geschichtsforscher eilt zu Hilfe. Eine Unterschriftenaktion kommt ins Rollen. Eine Graswurzelbewegung macht die Frage „remain“ oder „exit“ zum Stadtgespräch. Umsonst. Am Ende stimmt eine Mehrheit gegen den Erhalt.

Ohnmächtig schauen die Remainer zu, wie Bagger und Abrissbirne ihr Werk in Szene setzen. Wochenlang poltern und rasseln die Maschine, schreddern das Vergangenheitszeugnis. Inzwischen ist Rasen aufgegangen. Für die kommenden Generationen ankert das Bauwerk nicht mehr im kollektiven Gedächtnis. Die Gegenwart schluckt munter Vergangenheit, baut Zukunft. Nicht jeder findet einen Weg zu einer „Elbphilharmonie“.