Willi Volka
04.01.2022  -  Neu:  Belichtet / Objektiviert "Auf Maskenfährte", "Auf 200 Worte" - (7) Janusköpfig, 

Belichtet / Objektiviert .  .  .

Auf Maskenfährte (17)

1. Januar 2022 – ein Frühlingshauch. Noch vor dem Dunkelwerden zeigt das Thermometer 11° C! In einem Telefonat erfahren wir, dass in Landshut die Bienen fliegen – 


Anstatt Eiszapfen strecken sich schon die verschlossenen Haselnusskätzchen. Eine Kohlmeise inspiziert im Garen den Nistkasten …

Beim Neujahrspaziergang folge ich ungewollt einer „Maskenfährte“. Neugierig behalte ich sie im Auge, beginne zu zählen. Bis ich wieder zu Hause ankomme bin ich bei 12 gelandet.


Wer beginnt das Jahr maskenfrei? Wer wirft sie weg, gibt auf? Die Querdenker und Impfgegner? Wieso gerade die? Sie haben nichts zum Wegwerfen, sie tragen sie wenig oder gar nicht.

Oder sind es die Geimpften und Geboosterten, die in Vorfreude auf das nun angelaufene Jahr sich derlei entledigen? Wohl kaum. Denn noch blickt man unsicher auf die Ausbreitung des Omikron-Virus, auf seine Folgen bei den Befallenen. Zum Übermut besteht im Augenblick kein Grund. Die Virendrohung ist ungeliebt und gefürchtet.

Impfung und Maske schützen. Die die Folgen ohne Impfung und Maske können wissenschaftlich belegt x-mal höher sein. Eine Risikoabwägung fälle ich zu Gunsten der Maßnahmen.

Außerdem gilt In Niedersachsen derzeit die Corona-Regelung vom 24.12.2021 bis 15.01.2022.

Maskenpflicht z.B. im öffentlichen Verkehr, Versammlungen und Demos auch im Sitzen bei Zusammenkünften von mehr als 10 Personen, bei Veranstaltungen, Kino oder Theater, Maske tragen bis zum Platz bei Gastronomie, Sport außer bei sportlicher Aktivität u.a.

Bußgelder für Einzelpersonen von 50 bis 600 € je nach Verstoß können verhängt werden.

Also, was dann? Es lebe die Überflussgesellschaft. Maskenverlust spielt keine Rolle. Sie stecken lose in der Tasche, werden leicht herausgeschleudert, meist ungewollt pandemiebedingter neuer Abfall.

Gleich ist Ersatz da. So liegt manches achtlos, missachtet im Falllaub, unterschiedlich geformt und gefärbt am Zaun, auf dem Asphalt oder einer Wiese. Alle möglichen Varianten der Industrieprodukte, Konsum taucht nicht ab, kehrt zurück in eigener Form und Wirkung.

Gerne hätte ich eine gestrickte Maske entdeckt. Aber sie werde ich kaum finden, denn dafür wurde zu viel an Handarbeit investiert. Auch sind sie waschbar und zum Wiederverwenden. Die ökologische Gesellschaft demaskiert sich im Konsum! …

                                                                                                                       © Willi Volka

(07) Janusköpfig

Wenn um Mitternacht das Zeitzeichen ertönt, die Raketen leuchten und am Himmel knistern, du im Corona-Lockdown mit dem Partner oder der Familie auf ein besseres neues Jahr anstößt, wächst Besinnlichkeit. Was war denn bisher mit Hoffnung verbunden? Der Januskopf erhebt sich mit Doppelgesicht, wo eines zurück und eines nach vorne schaut.

Wie oft habe ich der Neujahrsnacht Vorsätze gefasst: Weniger Süßigkeiten, weniger Rauchen, damit gar aufhören, weniger Alkohol. Die Alkoholabsage verliert sich schon in der Feierlaune der Silvesternacht. Diese Flasche zählt noch nicht. Fernsehkonsum reduzieren, die Computerzeit begrenzen, mit Spielen aussetzen u.v.a. Ach, was solls, es kommt ja die Fastenzeit. Ist das relevant, wenn man aus der Kirche ausgetreten ist?

Hattest du aus der Erfahrung vergangener Jahre heraus nicht die Vergeblichkeit von Vorsätzen erlebt? Wie schnell gesetzte Tabus im Ernstfall durch ein zu grobmaschiges Gewissen purzeln.

Corona hat uns auf uns selbst zurückgeworfen. Corona im Mutieren verschenkt Zeit für Zeit. Das Jahr hat 365 Tage, die auserkorene Absichten zu verlieren. Aber eine Frage bleib: Wirst du die Regeln durch den verlängerten Lockdown einhalten oder heimlich darauf pfeifen? Ringst du im Unterbewusstsein nicht mit Angst, mich kanns erwischen? Das Gehirn knistert. Wider- und durchstehen! Dem Rückschaugesicht eine Augenbinde verpassen. Nach vorne mit Impfhoffnung schauen ...

                                                                                                                  © Willi Volka


(06) Spekulatius

Vor dem Eingang zum Supermarkt lieg ein kleiner gelber Zettel bei den Einkaufwagen. Ich heb ihn auf und las: Butter, Milch, Mehl, Paprika, Klopapier und. Spekulatius. War der Zettel achtlos weggeworfen oder wurde er vermisst? Ich spekuliere. Die Nummern darauf scheint ein Händikontakt zu sein. Neugierig drücke ich die Ziffern in mein Smartphone.

„Ja“, erkling eine weibliche Stimme schwungvoll.

„Ich hab‘ da einen Einkaufszettel in der Hand und frage, ob er vermisst wird?“

„Der hat keine Bedeutung.“

„Warte, ich mach ein Selfi mit dem Zettel in der Hand.“

„Ja, doch, den Spekulatius hab‘ ich vergessen“.

„Kein Problem, ich kann ihn kaufen und vorbeibringen.“

Einen Moment ist Funkstille. Prompt schnarrt ein Gegenbild auf mein Display. Huch, ein Omagesicht.

Das hatte ich nicht erwartet. Bild und Stimme passen nicht zusammen. Beim genaueren Hinsehen schimmern über Omas Grau blonde Haare mit Mittelscheitel. Da will sich jemand faken. Cool.

„Liebe Frau, ich bringe den Spekulatius vorbei, mime ich bedächtig. Dazu brauche ich aber ihren Namen und Adresse.“

Jetze, Hegerstraße 7. Hab‘ ich richtig verstanden? Ihr Namen lautet: Jetze? Wieder ein Fake?

Das Spiel entfesselte meine Neugier. Jetze oder nie.

Die Wohnung lag nicht weit von hier. Ich spekuliere. Blond, blauäugig, wie eine Norddeutsche? Ich beeile mich.

                                                                                                                       © Willi Volka


(5) Ihr Zwinkern

Sie zwinkert mir spitzbübisch zu. Ich richte mich auf, atme erstaunt durch. Wie kommt sie dazu. Schon ist sie vorbei. Ihr fixierender Blick überraschte. Habe sie nie gesehen. Solche Aufmerksamkeit vergisst man nicht so schnell. Sie setzt sich fest. Ihre blauen Augen, ihr rotblonder Pferdeschwanz, ihr federnder Gang. Ich kenne sie doch gar nicht. Sie mich?

Sitze ich in meinem Arbeitszimmer am Computer, sehe ich durch die Scheibe die Leute, die auf dem Gehweg vorbeikommen oder Vögel auf dem gegenüberliegenden Zaun. Da ist eine Nachbarin, die oft mit dem gefüllten Einkaufswagen vom nahen Supermarkt vorbeizieht, mich keines Blickes würdigt. Fairerweise merke ich an, dass sie ihn leer wieder zurückrollt. Manchmal kommt ein Trupp Kindergartenkinder mit ihren Betreuerinnen vorbei. Die meisten Kleinen stapfen brav in Reihe, einzelne Versuchen mal eine Blume zu pflücken, werden, wenn es bemerkt wird, daran gehindert. Andere zuckeln verträumt vor sich hin. Da sind Blondköpfe, Lockige, ein Dunkelhäutiger und tief Schwarzhaarige mit asiatischen Gesichtszügen. Wer vorbeigeht, blickt nicht herein, geschweige denn lächelt.

Letzteres habe ich fast vergessen, bis schon bald wieder der Pferdeschwanz wippt, mich mit Augenblau anerkennend anblickt. Wieso schaut sie so?

Anderentags gehe ich vor dem Fenster meines Arbeitszimmers vorbei, werfe, oder besser, ich wollte einen Blick hineinwerfen. Ein Spiegelbild starrt mich an. Da dämmert’s: Eingebildeter Lackaffe …                                                                                                                                                                                        © Willi Volka

(4) Schlüssel vermisst

Sie fasste in die Manteltasche und tastete nach dem Schlüssel. Sir fuhr in die andere. Scheiße. Das ist der Autoschlüssel. Sie stand vor der Wohnungstür. Klingelte. Nutzlos. Hätte ja sein können. Sie hörte ein Geräusch. Hinter ihr stand Nachbarin Grossfeld. Zufall? War sie nur neugierig?

„Ach, schön, dass ich sie treffe. Zu blöd. Ich finde meinen Wohnungsschlüssel nicht. Können sie mir den Ersatzschlüssel … „Nein, doch ...“

Vor kurzem war ein Einbruch im Haus. Die Polizei hatte empfohlen sicherere Schlösser einzubauen. Und nun? Warten bis die Tochter nach Hause kommt? Nach dem Schlüssel fahnden. Aber wo?

     „Kommen sie rein, ich mache uns einen Kaffee“, sagte Frau Grossfeld . Wir setzten uns an den Küchentisch.  

„Ach, wir hatten unsere Diamantene geplant. Aber da ist mein Mann plötzlich zusammengebrochen“, sagte sie und weinte.

 Ihre Welt, meine Welt. Sie hat so klare blaue Augen. Jetzt wohnen wir vielleicht drei Jahre Abschluss an Abschluss und wissen fast nichts voneinander. „Wie traurig“ und sie nahm die Nachbarin in die Arme. Was ist da mein verlorener Schlüssel?  

„Morgen wäre sein Geburtstag.“

„Das Wasser kocht.“

Frau Grossfeld steht nun auf. Das kann ja heiter werden.

Morgen werde Ich ihr einen dicken Blumenstrauß bringen ...                                                                                                                                                                           © Willi Volka


(3) Davongekommen

Ich trieb auf einer Luftmatratze. Die blaue Seite oben, die rote unten. Sie schaukelte mich Wellenberg und Wellental über. Abwechselnde Schräglagen, kopf-hoch, kopf-tief, links- oder rechtslastig, waren zu überstehen. Dabei klebte ich fest auf der Matte. Angst lag mir fern. Trug eine Welle höher, sah ich, soweit das Auge reichte, weder Land noch Schiff. Das Schaukeln in der Weite war ein wiegendes Spiel, hätte nicht stäubender Gischt bei mir Frösteln ausgelöst.

Und dann das – als ob der über mir niedergehende Wasserstaub nicht genug schauderte. Der pralle Gummikörper verlor an Spannung, gab nach. Ich sackte in eine schwimmende Badewanne. Hilfe. SOS. Steinschwere Angst ließ tiefer sinken.

Da tauchte neben mir ein Kugelkopf auf, stachelig wie ein Morgenstern, stoppelig wie eine Seemine – ein breites Maul riss auf, baute sich zu einem übergroßen Gespenst namens Covid-19 auf. Mit Knall fielen Kiefer aufeinander, bissen knapp daneben. Auge in Auge mit der Stachelkugel.

Ein Blitz lichterte. Der Himmel hallte. Wie erleichtert war ich, auf meiner Bettmatratze aufzuwachen. Die Bettdecke war zur Seite gerutscht. Das geöffnete Fenster schlug im Wind. Fasste den Griff und verriegelte. Draußen rauschte Regen. Blitze und Donnern verebbten. Nacht umfing mich..                                                                                                                                                                                                                                                 © Willi Volka

(2) Die Narzisse

Eine braune Mönchskutte schwebt vor mir her. Die Kapuze umhüllt den Kopf. Ich folge ihr auf einer wenig beleuchteten Kellertreppe, bis sie vor einer Tür innehält. Nach einer Handbewegung flutet Helle aus einem Raum. Eine Wandseite, bunt vom Schwarz über das Spektrum eines Regenbogens bis ins Weiß, leuchtet. Eine spitze Nase dreht sich mir zu. Abgrundtiefe wasserblaue Augen bannen mich. Ihnen ist nicht zu entkommen. Wie die Gestalt mir den Rücken zukehrt, zieht sie aus der Farbskala einen gelben Ordner, klemmt ihn sich unter den Arm, kommt mir bedenklich nahe, setzt sich an ein Pult und blättert darin.

„Ah, Franz wie Frühling, Gunter wie gelb und Nass, wie Narzisse“, murmelt es. Wieso kennt er meinen Namen?

„Wenn immer eine Narzisse sich dir überraschend blühend zeigt, darfst du etwas wünschen.

Ein Blumenladen oder ein mit Osterglocken bepflanzter Vorgarten zählt nicht als Überraschung.“

Abseits eines Waldweges leuchtet mir eine Einzelblüte im Strahl einer Sonne. Schnell ein Wunsch äußern, sternschnuppenkurz. Corona ade, gesund bleiben.

Wie ich die Augen aufschlage, flutet gelbliches Laternenlicht auf gemaserte Schranktüren. Stehe auf, mir wird klar: Vorbei die Chance auf einen Wintergarten, zu einem gefüllten Bankkonto!

Sind Träume Schäume?                                                        © Willi Volka

(01) Wandel

Das Projekt Speicherstadt in Hamburg zählt bei uns mit zu den bekanntesten Vorhaben der Umstrukturierung. Die dynamische Gegenwart drückt auch abgelegenen Hafenstädten ihren Stempel auf. Etwa, wenn an einem Kanal eine „Marina“ gebaut, ein Hafenbecken für kleinere Yachten angelegt, weiße Kuben am Ufer, im Baustil der Zeit entstehen und zur Wasserseite eine Promenade gestaltet wird. Ein aus der Zeit gefallener Hochbau, ein Speicher aus den 30er Jahren, mit nüchterner Fassade aus Beton und Ziegeln ist ein Fremdkörper neben den Neuanlagen. Dem Verfall überlassen, ohne ökonomische Bedeutung, gibt er ein Gefahrenmoment ab, ist ein Entwicklungshemmschuh. Das zweithöchste Gebäude neben dem Kirchturm hatte den Rang eines Wahrzeichens.

Manche Bürger erregten sich bei dem Gemeindevorschlag, das Bauwerk abzureißen. Ein Geschichtsforscher eilt zu Hilfe. Eine Unterschriftenaktion kommt ins Rollen. Eine Graswurzelbewegung macht die Frage „remain“ oder „exit“ zum Stadtgespräch. Umsonst. Am Ende stimmt eine Mehrheit gegen den Erhalt.

Ohnmächtig schauen die Remainer zu, wie Bagger und Abrissbirne ihr Werk in Szene setzen. Wochenlang poltern und rasseln die Maschine, schreddern das Vergangenheitszeugnis. Inzwischen ist Rasen aufgegangen. Für die kommenden Generationen ankert das Bauwerk nicht mehr im kollektiven Gedächtnis. Die Gegenwart schluckt munter Vergangenheit, baut Zukunft. Nicht jeder findet einen Weg zu einer „Elbphilharmonie“.